Rezension: »Navola – Das Erwachen des Drachen« von Paolo Bacigalupi

»Navola – Das Erwachen des Drachen« von Paolo Bacigalupi

Übersetzt von Alexander Weber

S.Fischer/TOR, 2025, 800 Seiten
ISBN 978-3-596-71089-8 / 32 Euro

Seit Paolo Bacigalupi vor etwa 25 Jahren damit begann, Kurzgeschichten und Romane zu veröffentlichen, ist er eine feste Größe der US-amerikanischen Science Fiction. Vor allem sein Roman »The Windup Girl«, der unter dem Titel »Biokrieg« 2011 bei Heyne erschien, machte ihn auch hierzulande bekannt. Nach der Jugendbuch-Trilogie um die »SCHIFFSDIEBE« (2012–2018) gab es jedoch eine ungewöhnlich lange Pause, die jetzt aber offensichtlich beendet ist.

Mit einem erstaunlichen Switch von der Science Fiction zur Fantasy kehrt Paolo Bacigalupi in dem Roman »Navola – Das Erwachen des Drachen« zurück. Wie er kürzlich in einem Interview mit dem Magazin LOCUS erzählte, litt er unter einer hartnäckigen Schreibblockade, bis ihn der Satz »Auf dem Schreibtisch meines Vaters stand ein Drachenauge« aus diesem Dilemma erlöste.

Es folgte eine aufwändige Recherche (inklusive einer Studienreise) über das alte Italien zur Zeit der Renaissance, als Kunst und Politik eine bis dahin ungekannte Blüte erlebten. Die damaligen Stadtstaaten und ihre noch heute legendären Herrscherfamilien geben dann auch einen würdigen Hintergrund ab für Bacigalupis Neuinterpretation des Themas.

Damit das Ganze als »Historical Fantasy« funktioniert, mischt der Autor noch eine ordentliche Portion Naturzauberei und eine spezielle Form der Drachenmagie unter die ausgiebig erklärten Schauplätze und die sorgfältig konstruierten Lebensläufe seiner Figuren.

Die Geschichte des jungen Davico di Regulai, der als Erbe eines Finanzimperiums zwischen die Fronten feindlicher Neider gerät, wirkt wie ein farbenfrohes Breitwandgemälde: überall gibt es etwas Neues zu entdecken, man genießt den Überblick ebenso wie die kleinen Details und kann sich gar nicht satt sehen. Am Ende ist man erschöpft, aber glücklich, und freut sich auf das nächste Mal.

Es ist ganz klar: »Navola« brachte Bacigalupis Fabulierkunst wieder auf Trab. Das neue Genre meistert er bravourös, und es bleibt am Ende nur der Wunsch nach einer baldigen Fortsetzung offen.

Horst Illmer