Rezension: »Ungeborene Gespräche« von Jochen Hengst

»Ungeborene Gespräche« von Jochen Hengst

Poetische Zitierkunst in Arno Schmidts Dialogfragment »Julia, oder die Gemälde«

J. B. Metzler, 2025, 291 Seiten
ISBN 978-3-662-71507-9 / 79,99 Euro

Den Leserinnen und Lesern dieses Magazins ist Arno Schmidt als ein Autor bekannt, der in seinem Erzählwerk und den großformatigen Typoskriptromanen – auch – als Verfasser von Werken aus dem Genre Science Fiction in Erscheinung trat. In seinem letzten, unvollendeten Werk spielen Schriftsteller der utopisch-phantastischen Literatur eine wichtige Rolle: Howard Phillips Lovecraft und Henry Rider Haggard. Es tritt noch eine weitere Figur auf, die man, je nach Blickwinkel und persönlicher Einstellung, auch als Phantasten betrachten kann: Jakob Lorber (1800–1864), »der Schreibknecht Gottes«. Er veröffentlichte neben konfessionskundlicher Fachliteratur seine privaten »Offenbarungen«, die sich an den christlichen Mystikern Jakob Böhme und Emanuel Swedenborg orientierten. Schmidt besaß in seiner Bibliothek dreizehn bis zu elfbändige Werke Lorbers, und er hat, wie Lesezeichen und Zitate beweisen, auch fleißig darin gelesen!

Nun hat sich der Literaturwissenschaftler Jochen Hengst aus Hannover – promoviert mit einer Arbeit über Hölderlin, habilitiert mit der Schrift »Ansätze zu einer Archäologie der Literatur. Mit einem Versuch über Jahnns Prosa« –, der bereits wiederholt Aufsätze zum Werk Schmidts vorgelegt hat (u. a. im Zusammenhang mit Lovecraft), der »Zitierende[n] Poetik des Entlegenen« bei Arno Schmidt zugewandt.

Nach Hengst zeichnet sich das Werk Arno Schmidts durch »eine Eigenart« aus, »die kaum vergleichbar mit gleichrangigen Werken ist. Sie betrifft die Verwendung des literarischen Zitats«. Eben diese Zitate macht Hengst »verantwortlich für die Schwierigkeit von Schmidts literarischen Texten«. Neben den bereits genannten Zitatquellen Lovecraft, Rider Haggard und Lorber sind es in »Julia« das Pfennig-Magazin der Gesellschaft zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse, Moritz Gottlieb Saphir, Eduard Stucken, Hermann Sudermann, Joseph von Lauff, Arnold Ulitz, »Die Erzählungen aus Tausendundein Nächten«, sowie von Hengst so genannte »Obszöne Skurrilitäten«. Schmidts wichtigste Quelle bei theologischen Fragen, aus der er auch fleißig zitierte, war Johann Jakob Herzogs »Real-Encyklopädie für protestantische Theologie und Kirche«, von der gleich zwei Auflagen in seiner Bibliothek zur Verfügung standen.

Das Besondere an Schmidts Lovecraft-Rezeption war, dass er diesen Autor erst zu seinem Lebensende hin entdeckte und einzig in der »Julia«, dort aber ausgiebig,Zitate von ihm zu finden sind. Rudi Schweikert sprach deshalb von einer „ersten Liebe mit letzter Kraft“. Rider Haggard taucht schon vor »Julia«ein paar Mal in »Abend mit Goldrand«auf, Lorber dort ein einziges Mal, bevor er dann in »Julia« seinen großen Auftritt hat. Wie bereits in »Zettel’s Traum«mit dem Werk Poes verfahren, unterzieht Schmidt nunmehr in »Julia« das Werk Lovecrafts (und auch das Rider Haggards) einer »Etym-Analyse« (die »Etymtheorie« ist eine Schöpfung Arno Schmidts, mit der er aus klanglich ähnlichen Wörtern unbewusste, vor allem sexuelle, Zusammenhänge herauslesen will), die durch den Hauptakteur Jhering erfolgt. Im »Bild 13« lässt er ihn »auf knapp drei Seiten eine der bekanntesten Erzählungen Lovecrafts, ›The Call of Cthulhu‹, auf Etyms abklopf[en]«. Und wie auch bei Poe entdeckt Schmidt in den Zitaten eine starke sexuelle Unterfütterung, die in diesem Fall zu Lovecrafts Gattin Sonja Greene hinführt. Schmidts Zitate beruhen aber nicht alleine auf Lovecrafts eigenen Texten – Erzählungen und Briefen –, sondern auch auf der Lektüre von Lyon Spraque de Camps Lovecraft-Biografie.

Hengst arbeitet heraus, wie, ausgehend von »Zettel’s Traum«, über »Abend mit Goldrand«und »Die Schule der Atheisten«,zu »Julia«hin eine »den Text überflutende Zitierung überwiegend deutschsprachiger Trivialliteraturen« einsetzt; er spricht von »Ausgegrabene[n] Literaturen«. Hier sind beispielsweise Eduard Stuckens Romane »Larion«, »Die weißen Götter«, »Giuliano« und »Der Gral« zu nennen. Joseph von Lauff zählt ebenfalls zu den heute vergessenen Autoren – Schmidt zitiert aus sechs seiner Romane und der Autobiographie Lauffs! Aber auch die englischsprachige Literatur legt im Zitatumfang zu, beispielsweise durch »boshafte Zitate von Lovecraft«. Es wird exakt herausgearbeitet, wofür und mit welcher Bedeutung Arno Schmidt die Zitate jeweils verwendet, oder wie er beispielsweise mit Zitaten aus verschiedenen, scheinbar unzusammenhängenden Quellen dafür sorgt, seine sich im Text entwickelnden Theorien plausibel erscheinen zu lassen.

»Die besondere Herausforderung der Lektüre von Schmidts späten Dialogromanen besteht nun vornehmlich darin, dass die Texte aus diesen literarischen Stimmen montiert und durch die mehr oder weniger ausgewiesenen Zitate strukturiert sind, so dass ein möglicher Leser dazu angehalten ist, sich mit der überwiegend doppelten Autorschaft der Texte auseinanderzusetzen«.

Hengst schließt seine Untersuchungen mit dem Fazit: »Tatsächlich aber kann der Versuch, ›Abend mit Goldrand‹und ›Julia, oder die Gemälde‹als Zitatromane zu lesen, mehr bedeuten, als im Abfall des Werkes herumzustochern. Er kann die Rezeption der Texte sowie die Auseinandersetzung mit deren provokanter Wirkungsabsicht gemäß dem Motto bereichern: ›Die beste Beilage zu einem Zitat ist ein zweites Zitat‹«.

Rezension von Heinrich Fischer