
J. C. Vogt
„Anarchie Deco 1930“
Band 2 der Anarchie Deco Reihe
tredition
400 Seiten, 978-338-442737-3
Paperback, 20 €
Nachdem Anarchie Déco 1920 bei Fischer Tor erschienen war, gab es für den zweiten Band ein Crowdfunding, das ich gern unterstützt habe. Dieser zweite Band ist bei tredition im Selfpublishing erschienen.
Der Einstieg fiel mir nicht leicht, ich musste nach hinten zur Zusammenfassung des ersten Bandes blättern. Trotz dieser Hilfe brauchte ich einige Seiten, um mich in der Figurenfülle zurechtzufinden. Wie der Titel schon verrät, spielt der Text im Berlin der 1920er bis 1930er Jahre. Die nichtbinäre Hauptfigur Nike arbeitet nun für die Polizei als Magieberater*in und Nikes Mutter lebt mit Seidel zusammen. Eine zweite Perspektive folgt Sandor, einem Anarchisten, der den Widerstand gegen die Nationalsozialisten organisiert. Während ich mit Nike und Nikes Partnerin Georgette schnell mitgefiebert habe, bin ich mit Sandor nie ganz warm geworden.
Wie auch der lesenswerte Band 1 lebt dieses Buch von köstlichen Dialogen mit eigenem Humor. Nike bekommt mit von Bülow einen Kollegen, der sich kindlich begeistert zeigt, aber immer unsympathischer wird. Während der Strang um Nike, von Bülow und Georgette gut dahinfloss, hat mich der andere Strang lange verwirrt. Hier erfahren wir von internen Kämpfen der Linken, die mir leider allzu bekannt vorkommen. Aufgrund mangelnden historischen Hintergrundwissens war ich in den zahlreichen Subgruppen ziemlich verloren.
Glücklicherweise bringt Strang eins schnell Klarheit, denn Nike und Konsorten sind sehr offensichtlich damit beschäftigt, herauszufinden, was die Nazis zaubern. Und das nicht nur im übertragenen Sinne, denn Anarchie Deco spielt in einer Welt mit einem eigenen Magiesystem.
Da gibt es Suppenküchen, die gratis Suppe ausschenken und in Zeiten des Hungers schnell die Stimmung beeinflussen. Aber woher haben die Nazis so viel Suppe? Und dann sind da noch die neuen Laternen, deren Licht Nebenwirkungen zu haben scheint. Das Buch endet mit einem spannenden und zugespitzten, actionreichen Showdown, von dem hier nur verraten werden soll, dass er existiert.
Eine Schwäche im Text sind für mich die besonders in der ersten Hälfte zahlreichen Tipp- und Grammatikfehler, da sind Haare dann „pomiert“ statt „pomadiert“ und manche Sätze wirken doch arg holprig.
Stärken sehe ich in den gelungenen Beobachtungen: Da ist einerseits die gerade leider zu aktuelle Beeinflussung der Massen durch vermeintlich einfache Lösungen. Diese sind im Buch magisch, aber genauso oberflächlich wie die heutigen Schuldzuschreibungen an Menschengruppen, die zu Anderen gemacht werden. Andererseits beschreibt das Buch sehr genau, was es bedeutet, diskriminiert und zu einem Anderen gemacht zu werden: Nike erklärt der Mutter, wie schmerzhaft es ist, das Gefühl zu haben, einen Raum zu bekommen, der nun wieder zerstört wird. Das konnte ich nur zu gut nachfühlen, und auch, wie sich der Alltag mit den erlebten Diskriminierungen zermürbend anfühlen kann: „Weiterleben, was für eine elende, repetitive Aufgabe.“ So stellt sich wiederholt die Frage, was Widerstand kosten darf.
Fazit: Trotz des etwas mühsamen Einstiegs ein lesenswertes Buch. Die Vögte schaffen es mal wieder, sprachliche Perlen und eigene, sehr treffende Bilder zu finden und einen genauen Blick auf die Realität mit einem Hoffnungsfunken zu verbinden.
Unterhaltung: 2 von 3
Sprache/Stil: 1,5 von 3
Spannung: 2 von 3
Charaktere/Beziehungen: 2 von 3
Originalität: 2 von 3
Diversität: 3 von 3
Tiefe der Thematik: 2 von 3
Weltenbau: 2 von 3
Gesamt: 16,5 von 24
Die Rezension wurde verfasst von :
Jol Rosenberg (ens/they/keine) landete 1976 auf der Erde, Autor*in, Blogger*in, Psychotherapeut*in.
Ens Kurzgeschichten erschienen u. a. in Queer*Welten, c’t und Anthologien. Romane:
2022 »Das Geflecht. An der Grenze« bei ohneohren/Amrun
2023 »Etomi. Erwachen« und 2024 »Etomi. Aufbruch« bei Plan9.
2024 Herausgabe der Anthologie »Psyche mit Zukunft«.
Mehrfach nominiert für den Deutschen Science-Fiction-Preis und den Kurd-Laßwitz-Preis